
Österreich III
A) Einleitende Gedanken zur Arbeit
Die These der deutschen Historikerin und Politologin Petra Bock, die an der Universität Berlin die großen Systemumbrüche des 20. Jahrhunderts untersuchte, lautet:
„Wir sind es gewohnt historisch bei den alten Ägyptern anzufangen um uns menschliche Zivilisationsgeschichte anzuschauen. Faktisch beginnt es sehr viel früher, nämlich vor rund 12.000 Jahren. Damals hat die Klimaerwärmung die Eiszeit abgelöst und völlig neue Lebensbedingungen für Menschen und für andere Lebewesen geschaffen. Meine These ist, dass in dieser Zeit ein Denkmuster entstanden ist, dass uns sehr weit gebracht hat, weil es uns erlaubt hat eine neue Lebensform zu entwickeln, nämlich die sesshafte Lebensform, der wir bis heute angehören und damit bestimmte Arten das Leben zu interpretieren. Ich nenne das einen Überlebenscode, den unsere Vorfahren damals gebildet haben und der zu den Gesellschaftsstrukturen geführt hat, mit denen wir heute noch in allen relevanten Kulturen zu tun haben.“
Sie umschreibt damit, das Denken in Oben und Unten, Machtausübung und Unterordnung, Leben oder Tod, dieses Entweder-Oder-Denken, dass jede Veränderung in Kategorien von Sieg oder Untergang-Denken eingeteilt wird. Eine Art des Denkens das uns einmal gedient hat aber nicht mehr in die Rahmenbedingungen unsere Zeit passt und nicht nur ihres Erachtens ein gestörtes Denken ist. Wichtig zu verstehen ist, dass diese Art zu denken einmal ein Erfolgsprogramm für Menschen war, dass uns in unserem Zivilisationsprozess weit gebracht hat aber uns heute nicht mehr dient. Wir sind gefordert diese Denkmuster zu überwinden, damit wir uns nicht selbst zerstören. Sie liefert mit ihrem Buch „Der entstörte Mensch“ eine Gesellschaftstheorie zum persönlichen Wandel. Der zweite Untertitel des Buches lautet: „Warum wir nach dem technischen nun auch den menschlichen Fortschritt brauchen.“
Die These der meiner Arbeit geht einen Schritt weiter und setzt sich mit der Fragestellung auseinander: „Warum wir nach dem technischen nun auch den menschlichen und politischen Fortschritt brauchen.“ Aufklärer wie John Locke und Montesquieu haben sich mit Themen der Machtkonzentration und Willkür zur Zeit des Absolutismus auseinandergesetzt. Wir haben Männern dieses Formats viel zu verdanken. Sie prägten Begriffe wie Gewaltentrennung unter der man die Verteilung der Staatsgewalt auf mehrere Staatsorgane (Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung) zum Zweck der Machtbegrenzung und der Sicherung von Freiheit und Gleichheit bis heute versteht.
Bei der Entwicklung des Politikverständnisses der WIR-Arche wurden die anders gearteten Rahmenbedingungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts berücksichtigt. Ökonomen wie der Amerikaner John Kenneth Galbraith gehen generell vom „Mythos der zwei Sektoren“ aus, dass die allgemein anerkannte Unterscheidung zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor bei näherer Betrachtung jeglicher Grundlage entbehre. Autoren wie die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz umschreiben dieses Phänomen z.B. mit dem Call Centers als Motiv der ins Leere gehenden Frage nach Verantwortung, die wir kommentarlos hingenommen haben. Die Institutionen seien zwar nicht verschwunden, würden sich allerdings unsichtbar machen und geben ihre Verantwortung ab. Oder mit den Worten des deutschen Journalisten Gabor Steingart ausgedrückt: „Der brutalste Gegner des modernen Menschen ist heute kein Kaiser oder Kirchenoberhaupt, sondern das Gefühl der Aussichtslosigkeit.“
Ohne gesellschaftliches Engagement kann keine Demokratie existieren, das ist das Grundanliegen jeder liberalen Gesellschaft. Welche Konsequenzen ergeben sich für die Politik, wenn am Schluss die Teilnahmslosigkeit der Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten steht? Wir züchten mit einem Milliarden Aufwand Egoisten und deren Konsumverhalten und betrauern dann den Verlust der Werte und der Tugenden, der Solidarität und der Gemeinschaft. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer war der Auffassung: „Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ Die Anliegen einer Gemeinschaft bedürfen allerdings eines gemeinsamen Horizonts, den es transparent aufzubereiten und gemeinsam weiterzuentwickeln gilt.
Ganz im Sinne von: Reden über Probleme schafft Probleme, reden über Lösungen schafft Lösungen. Diese Modellwelt versteht sich als ein konstruktiver gesellschaftspolitischer Beitrag in eine für alle qualitativere Lebenswelt.